Personalabteilungen auf neue Studienabschlüsse schlecht vorbereitet
25. Juli 2006 17:47 Uhr | alma mater Ludwigsburg GmbH
Ludwigsburg - Ab 2010 werden sämtliche Studiengänge auf die neuen Hochschulabschlüsse Bachelor und Master umgestellt sein. Spätestens ab diesem Jahr wird das deutsche Hochschuldiplom der Vergangenheit angehören. Im Rahmen einer Diplomarbeit hat die Firma alma mater, Rekrutierungsspezialist für Hochschulabsolventen, Unternehmen befragt, inwieweit diese bereits auf die neuen Hochschulabsolventen vorbereitet sind. Die Ergebnisse zeigen, dass die meisten Unternehmen bislang unzureichend über die neuen Abschlüsse und deren Auswirkungen auf die tägliche Unternehmenspraxis informiert sind.
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Seit Juni 1999 haben 45 europäische Staaten die Bologna-Deklaration unterzeichnet. Damit soll ein einheitlicher europäischer Hochschulraum geschaffen werden. Erzielt werden soll dies durch ein System international vergleichbarer, zweistufiger Studienabschlüsse. Im Einvernehmen ist beschlossen worden, ab 2010 europaweit die Studienabschlüsse auf die international bereits bekannten Abschlüsse Bachelor und Master zu überführen. Der Bachelor-Abschluss wird nach einer Regelstudienzeit von mindestens drei und maximal vier Jahren verliehen. Der als Aufbaustudium ausgelegte Master-Abschluss kann nach ein bis zwei Jahren erworben werden. Die bereits bestehenden Abschlüsse wie das Diplom fallen weg. Die meisten deutschen Hochschulen haben bereits begonnen, die Studienpläne auf das neue System umzustellen. Zum Wintersemester 2005/06 wurden bereits knapp 3.800 Bachelor- und Master-Studiengänge angeboten, was einer Quote von knapp 34 Prozent entspricht.
Ein Bachelor-Abschluss kann im Vergleich zum Diplom rund 1 Jahr früher erworben werden. Das liefert Chancen. Andererseits kann in der Regelstudienzeit schwerlich die komplette Stoffmenge eines Diplom-Studiums bewältigt werden. Spezielle Einarbeitungsprogramme bzw. auf die Bachelors zugeschnittene Einstiegspositionen erscheinen angezeigt. „Als Rekrutierungsspezialist für Nachwuchskräfte wollten wir erfahren, inwieweit sich die Unternehmen auf die neuen Studienabschlüsse eingestellt haben“ erläutert Jürgen Bühler, Berater beim Ludwigsburger Personalvermittler alma mater. Aus diesem Grund hat alma mater eine Diplomarbeit zum Thema „Die Auswirkungen des Bologna-Prozesses auf die Personalentwicklung bei Hochschulabsolventen“ ausgeschrieben, die im Mai 2006 mit gutem Erfolg abgeschlossen worden ist. Im Rahmen der Diplomarbeit wurden Firmen befragt und die Aussagen von 119 Unternehmen ausgewertet; unterschieden wurde zwischen kleinen und großen Mittelständlern und Großunternehmen.
Notwendigkeit der Anpassung von Personalentwicklung
Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) erwartet von den Unternehmen, dass sie ihre Personalentwicklungsstrategien und Einstellungskriterien an die neuen Abschlüsse anpassen. Die Umfrage im Rahmen der Diplomarbeit sollte in Erfahrung bringen, inwieweit die Unternehmen bereits dem Wunsch der Hochschulrektoren entsprechen.
Zunächst wurden die Firmen befragt, ob sie bereits Mitarbeiter mit den neuen Studienabschlüssen im Unternehmen beschäftigt haben. Von den kleineren Firmen hat bisher keines Bachelor- oder Master-Absolventen unter Vertrag. Bei den größeren Mittelstandsunternehmen hat knapp die Hälfte bereits mindestens einmal Hochschulabsolventen mit den neuen Abschlüssen eingestellt, bei den Großunternehmen sind es immerhin 77 Prozent. Elf Prozent der Firmen gaben zu Protokoll, dass sie bei Hochschulabsolventen keine Personalentwicklung betreiben. Wie zu erwarten war, gilt das aber tendenziell stärker für die kleineren Unternehmen, denn bei den großen Firmen betreibt nur jedes zwanzigste Unternehmen keine Personalentwicklung.
„Besonders interessant war für uns die Frage, inwieweit die Unternehmen davon ausgehen, ihre Personalentwicklung für Absolventen durch die neuen Studienabschlüsse verändern zu müssen“ bemerkt Veronika Dorn, die Diplomandin und Verfasserin der Arbeit. Die Ergebnisse sind widersprüchlich. 70 Prozent der großen Unternehmen sehen Veränderungsbedarf; bei den kleinen und mittleren Firmen hingegen gehen rund 60 Prozent davon aus, dass keine Änderungen erforderlich sind. Interessant ist, dass bei den Firmen, die bereits Erfahrung mit den neuen Abschlüssen gesammelt haben, die Veränderungsbereitschaft besonders hoch ist. Jedes zehnte der Unternehmen hat bereits Vorkehrungen getroffen und Änderungen vorgenommen. Ein gutes Viertel der Befragten hat Änderungen für die Zukunft geplant. Sage und schreibe zwei Drittel der Firmen haben nicht vor, etwas an der Personalentwicklung zu verändern. Es ist auch bei dieser Frage auffallend, dass die kleineren bis mittleren Firmen wenig Handlungsbedarf sehen.
Eine Hauptfragestellung der Studie zielte auf die geplanten Änderungen in der Personalentwicklung bei Hochschulabsolventen ab. Die Unternehmen wurden gefragt, welche Maßnahmen sie konkret geplant bzw. eingeführt haben. Diese Frage richtete sich nur an die Teilgesamtheit der Firmen, die bereits Änderungen vorgenommen bzw. geplant haben; mit 33 Prozent also an einen vergleichsweise kleinen Teil der Firmen.
Neu eingeführt wurden Integrations- und Einarbeitungsprogramme für Bachelor-Absolventen (12 Prozent), Angebote für berufsbegleitende Master-Studien (27 Prozent) und eine engere Zusammenarbeit mit Hochschulen mit dem Ziel, eigene Vorstellungen in die neuen Studiengänge einfließen zu lassen (12 Prozent). 15 Prozent der bereits aktiven Firmen wollen ihre bestehenden Nachwuchsprogramme (z. B. Traineeprogramme) modifizieren, 12 Prozent setzen auf eine stärkere fachliche Einarbeitung und 15 Prozent wollen ihre Einstellungskriterien für Bachelor-Absolventen verändern.
Master-Studium als Maßnahme der Personalentwicklung
Das Master-Studium ist nach Planung der Hochschulrektoren als Aufbaustudium ausgelegt. Mit dem berufsqualifizierenden Bachelor-Abschluss können die Absolventen erste Berufspraxis sammeln und später mit dem Master-Studium gezielt spezielles fachliches Wissen aufbauen. Das Master-Studium kann entweder als Vollzeit-Präsenzstudium oder als Teilzeitstudium nebenberuflich durchgeführt werden. „Die Teilzeitvariante dürfte auch für Arbeitgeber eine interessante Maßnahme zur gezielten Weiterbildung ihrer Mitarbeiter sein“ meint Bühler. Gerade die Großunternehmen haben die Chancen des Master-Studiums als Personalentwicklungsmaßnahme erkannt. In der Umfrage erklärten sich drei von vier der befragten Großunternehmen bereit, ihre Mitarbeiter bei einem Master-Studium zu unterstützen. Auch bei den kleinen und mittleren Firmen zieht die Mehrzahl der Firmen ein berufsbegleitendes Studium dem Präsenzstudium in Vollzeit vor.
Viele der neuen Master-Kurse arbeiten auch mit modernen E-Learning-Konzepten und mischen diese mit Präsenzveranstaltungen (sogenanntes Blended Learning). Ein Beispiel ist der „Master of Science in Elektrotechnik“ an der Hochschule Darmstadt. Bachelor-Absolventen haben hier die Möglichkeit, nach einigen Jahren Berufspraxis in einem der beiden Fächer Automatisierungstechnik oder Mikroelektronik aktuelles technisches Know-how zu erwerben. Die Studenten und deren Arbeitgeber wirken so dem immer schnelleren Verfallsdatum von technischem Wissen entgegen. „Eine Win-Win-Situation für beide Seiten“, da ist sich der Berater von alma mater sicher.
Zusammenfassung
Die Hauptfragestellung, inwieweit die neuen Abschlüsse Auswirkungen auf die Einarbeitung und Personalentwicklung in Unternehmen haben, konnte mit 61 Prozent Zustimmung positiv beantwortet werden. Trotzdem sind vier von zehn Firmen der Meinung, dass durch die neuen Abschlüsse keine Änderungen zu erwarten sind. Bei den kleinen und mittleren Unternehmen sind sogar mehr als 60 Prozent der befragten Firmen dieser Meinung. Die Erklärung liegt hier sicher auch darin begründet, dass viele Firmen heute noch zu wenig Erfahrungen mit Absolventen der neuen Abschlüsse gesammelt haben. Geradezu beängstigend ist aber, dass die kleinen und mittleren Unternehmen keinerlei Handlungsbedarf sehen. 85 Prozent der kleinen und 95 Prozent der mittleren Unternehmen haben keine Änderungen geplant und sehen keine Notwendigkeit, die Anforderungsprofile auf die neuen Abschlüsse anzupassen bzw. die Einarbeitung der neuen Absolventen zu optimieren. In Anbetracht der rund 1 Jahr kürzeren Studiendauer und der um durchschnittlich 2 Jahre jüngeren Absolventen erscheint das fahrlässig.
„Vielfach herrscht die Einstellung ‚Dann nehmen wir eben nur noch Master-Absolventen!’“ formuliert Bühler. Nach Ansicht des erfahrenen Beraters ist das eine sehr gefährliche Haltung. „Die Statistiker gehen von sinkenden Absolventenzahlen in den kommenden Jahren aus“ so Bühler weiter. Die Absolventenzahlen stagnieren seit einigen Jahren bei rund 200.000 Absolventen pro Jahr. Da es sich beim Master um ein Aufbaustudium handelt, das kaum jeder Bachelor-Absolvent absolvieren dürfte, wird sich das Angebot weiter verknappen. Und schon heute fällt es vielen Unternehmen schwer, bestimmte Positionen adäquat zu besetzen. Die komplette Diplomarbeit mit Handlungsvorschlägen für eine zukunftsfähige Personalentwicklung kann bei alma mater bezogen werden.
Presse-Kontakt:
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Jürgen Bühler, j.buehler@alma-mater.de
Tel. 07141/488 748-67
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